Bericht über die Weltkonferenz

The World Working Group on Birds of Prey and Owls

 

Die 6. Weltkonferenz über Greifvögel und Eulen

Von Bernd-U. Meyburg

 

Vom 18.-23 Mai 2003 fand in Budapest (Ungarn) die 6. Weltkonferenz über Greifvögel und Eulen statt. Tagungsort war das Hotel Agro, welches auf einem Hügel am Stadtrand gelegen ist und einen schönen Ausblick auf Budapest und einige anliegende Waldgebiete bot. Hier versammelten sich die Teilnehmer aus etwa 47 Ländern, darunter aus Brasilien, Kuba, USA, Kanada, Südafrika, Kenia, Elfenbeinküste, Saudi Arabien, Israel, Rußland, China, Taiwan und Japan.

Zur Eröffnung richteten der Vorsitzende der Weltarbeitsgruppe Greifvögel und Eulen (Bernd-U. Meyburg), der Umweltminister Ungarns (Miklós Persányi), der Präsident von MME/BirdLife Ungarn (György Kállay) und ein hoher Vertreter von BirdLife International  (Nigel Collar) Grußworte an die Teilnehmer. Nach dieser offiziellen Eröffnung folgte ein einstündiger Festvortrag (Key-note address) von Ian Newton zum Thema "Population Limitations in Owls". 

Anschließend gab L. Haraszthy  einen  Überblick über den Status der Greifvögel im Gastgeberland Ungarn und  die Bemühungen zu ihrem Schutz . Robert Risebrough folgte mit einem Überblick über den Zusammenbruch der Geierpopulationen der Gattung Gyps auf dem indischen Subkontinent. M. Barbieri erläuterte schließlich die Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten und ihre derzeitige und mögliche zukünftige  Rolle bei der Erhaltung von Greifvögeln und Eulen.

Nach einem Cocktail und dem Abendessen gab es noch zwei Filme über den Vogelschutz in Ungarn sowie über  den Anden- und Kalifornischen Kondor von Michel Terrasse.

Der Montag Vormittag (19. Mai) war zunächst den Greifvögeln in Ungarn gewidmet. Derzeit brüten 21 Greifvogelarten in Ungarn, insgesamt wurden bisher 34 Arten nachgewiesen.  600 bis 800 Ornithologen setzen sich speziell für ihren Schutz im Rahmen einer Arbeitsgruppe  ein.  Die Aktivitäten sind als vorbildlich zu bezeichnen und man wünscht sich eine Nachahmung durch andere Länder. Die Schutzmaßnahmen umfassen u.a. Monitoring, Bewachung von Horstplätzen, Errichtung künstlicher Horstplattformen und die Verhütung von Unfällen an Überlandleitungen.

Besonders intensiv widmet man sich dem Kaiseradler und  dem Sakerfalken, die beide weltweit stark abgenommen haben und vom Aussterben bedroht sind. Bei diesen  Arten sind die Schutzerfolge in Ungarn besonders eindruckvoll, gelang es doch eine  Trendwende herbeizuführen.  1980 waren vom Sakerfalken nur noch 13 Paare bekannt. Der Bestand wurde auf maximal 30 Paare geschätzt. 2002 waren 113 Paare bekannt, die 279  Junge zum Ausfliegen brachten. Der Gesamtbestand wird auf 113-145 Paare geschätzt. 78 % der Paare brüten derzeit in Kunsthorsten. Seit Beginn der systematischen Schutzbemühungen sind 2553 Jungfalken flügge geworden. Völlig unklar ist, wo diese Falken zum größten Teil abgeblieben sind.  Bessere Markierung, evtl. teilweise auch mit Satelliten-Sendern, wird ins Auge gefasst, um diese Kenntnislücke zu schließen.

Die zweite Erfolgsgeschichte betrifft den Kaiseradler. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Bestände dramatisch ab und erreichten ihren Tiefpunkt  am Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre mit nur noch etwa 20 Brutpaaren in Ungarn. 2002 gab es wieder mindestens 54 Paare, 38 Bruten waren erfolgreich, 63 Junge flogen aus. Der Gesamtbestand wird auf 61-65 Paare geschätzt.  Interessant ist die Rückkehr  des Kaiseradlers ins Flachland, aus dem sich die Art in die Mittelgebirge zurückgezogen hatte. Derzeit können  die Adler wieder  brütend  in den weiten Ebenen in kleinen Baumgruppen oder auch auf Einzelbäumen, nicht selten in unmittelbarer Nähe viel befahrener Straßen, beobachtet werden. Aktuell läuft ein dreijähriges Life-Projekt, für welches die EU einen nicht unerheblichen Geldbetrag zur Verfügung gestellt hat und in dessen Rahmen z.B. drei Biologen angestellt sind, um sich ausschließlich um diese Art zu kümmern.

Auch die Bestandsentwicklung des Seeadlers ist erfreulich. Seit  1954 streng geschützt, betrug der Bestand 1957 nur noch ca. 25 und 1987 sogar nur noch 16 Paare. 2002 gab es wieder 98 Paare, die 105 Jungadler zum Ausfliegen brachten. 18 Paare gibt es derzeit an der unteren Donau, wo 60-80 Vögel regelmäßig überwintern.

Leider müssen auch etliche abnehmende Arten genannt werden: Schlangenadler, Schreiadler, Schwarzmilan, Kurzfangsperber, Rotfußfalke und Zwergadler.  Besorgniserregend ist die Entwicklung beim Schreiadler. Von 1994 mit 150 Paaren sank der Bestand auf 40-45 im Jahre 2002. Die Ursachen dafür werden außerhalb des Brutgebiets vermutet. Der Bestand des Zwergadlers, der nie besonders häufig war, ist auf ca. 1-4 Paare gesunken. Bruten wurden seit Jahren nicht mehr festgestellt. Auch beide Milanarten kommen praktisch nicht mehr vor. Bei diesen beiden Arten, wie vielleicht auch anderen, wurde ein aktiveres Management vermieden und wäre wohl wünschenswert gewesen.

Von allein haben sich der Steinadler und der Wanderfalke wieder als Brutvögel angesiedelt. Vom Steinadler gibt es mindestens ein Baumbrüterpaar im Flachland. Unter den sieben derzeitigen Wanderfalkenpaaren brütet ebenfalls eines  im Flachland in einem Baumhorst.

Das wohl wichtigste Thema der Konferenz war der Zusammenbruch der Beständer dreier Geier-Arten der Gattung Gyps im südlichen Asien, insbesondere in Indien und Pakistan. Eineinhalb Tage lang dauerten die verschiedenen Geiersitzungen und die abschließende Diskussionsrunde.  Seit Beginn  des  Verschwindens der Geier, die in Indien bis vor wenigen Jahren in einer Häufigkeit vorkamen, die sich jemand, der nicht mit den Verhältnissen vertraut war, kaum vorstellen kann, wird fieberhaft nach der Ursache gesucht.  Eine Infektionskrankheit und Pestizide wurden als Grund vermutet, ohne dass der Nachweis gelang. 

Zu diesem Thema gab es auch die große Sensation der Konferenz, die selbst alle anderen Forscher, die sich mit dem Problem beschäftigen, völlig  überraschte:  Der US-amerikanische Veterinärmediziner  J. Lindsay Oaks und Mitarbeiter wollen nachgewiesen haben, dass die Ursache in einem Nierenversagen zu suchen ist, welches durch Diclofenac hervorgerufen wird. Diclofenac ist ein Analgetikum und Antirheumatikum, welches in der Humanmedizin seit langer Zeit und in großem Umfang eingesetzt wird. Seit wenigen Jahren wird es in Indien und Pakistan offenbar  in großem  Maßstab auch bei Haustieren, die die Nahrungsgrundlage der Geier darstellen, appliziert. Auch experimentell konnte angeblich die Wirkung bei den drei Gyps-Arten nachgewiesen werden. Dafür, daß Diclofenac, das durchaus auch beim Menschen massive Nebenwirkungen hervorrufen kann, tatsächlich die Ursache ist, spricht z.B. auch die Tatsache, daß die Geier in Bombay, die sich von menschlichen Kadavern auf den "Türmen des Schweigens" der Parsen ernährten, bereits vor längerer Zeit verschwunden sind. Unklar ist, weshalb andere aasfressende Greifvogelarten, wie die übrigen Geierarten, Milane, Adler usw. nicht betroffen sind.

Insgesamt bedarf dieses Thema noch erheblicher weiterer Forschung. Martin Gilbert  (e-mail: Mart_Gilbert@yahoo.com) vom Peregrine Fund sammelt alle Informationen zum Thema Diclofenac und sollte über evtl. Erkenntnisse informiert werden. Ob und wie evtl. der Einsatz bei Haustieren reduziert werden kann, ist die nächste wichtige Frage, die angegangen werden muss.

Weitere Sitzungen der Konferenz, über die hier aus Platzgründen nicht im Detail berichtet werden kann, standen unter den Themen Falkenstudien, Umweltkontaminatoren und Greifvögel, Greifvogelpopulationen, Stromschlag, Konflikte zwischen Mensch und Greifvögeln, Taxonomie und Phylogeographie, Adlerstudien, Biologie der Eulen und allgemeine Greifvogelstudien. Der wissenschaftliche Teil fand ihren Abschluß im 5. Internationalen Kaiseradler-Workshop sowie einer Rotmilan-Diskussionsrunde.

Insgesamt waren 177 Kurzfassungen für 123 Vorträge und 54 Poster eingereicht worden, die in einem 72-seitigen  Heft allen Teilnehmern zu Beginn der Konferenz zur Verfügung gestellt wurden. Diese Sammlung dürfte derzeit den wohl umfangreichsten und aktuellsten Überblick zur weltweiten Greifvogel- und Eulenforschung darstellen. Da nur ein kleiner Teil der Beiträge auch im Konferenzband wird veröffentlicht werden können, dürfte diese Sammlung jedoch auch noch in Zukunft von Interesse sein. Leider ist das Heft bereits völlig vergriffen.

Am Ende der Konferenz wurden 15 Resolutionen verabschiedet,  von denen lediglich die den Sakerfalken betreffende erhebliche und  mehrere Tage dauernde Diskussionen auslöste, bis ein gemeinsamer Nenner  gefunden werden konnte. Der Vorschlag, völlig auf die Entnahme von Individuen aus der Natur  für die Falknerei zu verzichten, ließ sich trotz dramatischen Rückgangs der Bestände in fast allen Verbreitungsländern und trotz des Beispiels Ungarn  und der  heftigen Befürwortung durch dieses Land, nicht durchsetzen. 

Am vorletzten Konferenztag  (22. Mai) fand eine Mitgliederversammlung der Weltarbeitsgruppe statt.  Dabei gab ich einen Bericht über die Entwicklung der Weltarbeitsgruppe seit ihrer Gründung und schlug vor, aus verschiedenen Gründen auf die Versendung von Rundbriefen  in mehreren Sprachen wie bisher in Zukunft zu verzichten. Der damit verbundene personelle und finanzielle Aufwand ist außerordentlich groß und im Zeitalter des Internet auch weitgehend überflüssig. Per E-mail lassen sich heute Nachrichten (als Anhang auch sehr umfangreiche Dokumente) weltweit in kürzester Zeit außerordentlich kostengünstig und zuverlässig an einen großen Personenkreis verbreiten. Die Website der Weltarbeitsgruppe ermöglicht darüber hinaus die Publikation von Texten, Fotos usw. innerhalb kürzester Zeit.  Sie ist  zudem weltweit zugänglich.

Dieser Vorschlag wurde eingehend diskutiert und angenommen. Die Weltarbeitsgruppe wird von Zeit zu Zeit E-mails an alle Mitglieder versenden, die auf der Mitglieder-Liste stehen und die bereits mehrere tausend Adressen umfasst. Damit entfällt  vorläufig auch ein Mitgliedsbeitrag. Jeder, der möchte, kann sich in diese Liste eintragen lassen.  Sofern Interesse besteht, werden diese Mails  auch gedruckt und per Post an diejenigen Mitglieder verschickt werden, die keine E-mail-Adresse haben, allerdings nur gegen einen Unkostenbeteiligung. 

Wer häufiger Nachrichten erhalten und sich an Diskussionen beteiligen möchte, dem wird darüberhinaus empfohlen, sich in die verschiedenen E-mail-Diskussionsgruppen, wie GREIFVOEGEL und RAPTOR CONSERVATION, einzutragen.

Zum Abschluß der Mitgliederversammlung wurde auf Vorschlag von Prof. Wink der  bisherige Vorstand wiedergewählt.

An einem Tag in der Mitte der Konferenz (Mittwoch, 21. Mai 2003) und anschließend an die Tagung gab es die Möglichkeit an Exkursionen teilzunehmen, die mehrere kommerzielle Veranstalter angeboten hatten.   Diese führten in verschiedene Landesteile, besonders im Osten Ungarns, wo es gute Gelegenheit  gab, die typischen Arten zu beobachten.

 

© 2003 CTM

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